Ihr Kunden könnt kommen – auch sonntags, jawoll?
„Alle Jahre wieder …“ gilt nicht nur für die Weihnachtszeit. Auch die Diskussion um den verkaufsoffenen Sonntag steht regelmäßig vor der (Laden-)Tür. Zwei Sehnsüchte geben sich dabei die Klinke in die Hand: die Lust auf Flexibilität und Konsum auf der einen Seite, der Wunsch nach Schutz, Ruhe und Planbarkeit auf der anderen. Beides ist legitim. Doch wer sich fragt, warum Geschäfte nicht generell auch sonntags geöffnet haben, muss sich auch fragen, wer davon profitiert und wer den Preis dafür zahlt. Als einer, dem der lokale Einzelhandel erwiesenermaßen sehr am Herzen liegt, hat sich der Tübinger OB Boris Palmer jüngst in die Debatte eingeschaltet und mit „ja“ votiert. Für uns als HGV Tübingen Anlass, ebenfalls in der Sache Stellung zu beziehen und unseren Wunschzettel zu schreiben.
Die Pro-Argumente sind bekannt, seien aber der Vollständigkeit halber noch einmal hier genannt:
Das Leben findet nicht mehr montags bis samstags zwischen 9 und 20 Uhr statt.
Schichtarbeit, Wochenenddienste, Job-Pendelei, Patchwork-Familien … Für viele Menschen ist der Sonntag der einzige Tag, an dem sie gemeinsam einkaufen, bummeln oder Besorgungen machen können.
Die Innenstädte werden wieder attraktiver.
Während Online-Shops jeden Tag rund um die Uhr geöffnet haben, stehen Fußgängerzonen an Sonntagen still. Ein lebendiger Sonntag mit Handel, Gastronomie und Kultur kann für die City Wunder wirken: Mehr Frequenz, mehr Impulse, mehr Erlebnis. Wer zum Stadtfest oder ins Museum geht, bummelt danach eher noch durch die Läden – und gibt Geld aus. Nicht ohne Grund gibt es in Tübingen ein attraktives Angebot an Stadtfesten und Events.
Amazon & Co. kennen keinen Sonntagsschutz.
Wäre der Sonntag ein regulärer Verkaufstag, könnten Läden zumindest ein Stück weit dagegenhalten: „Kaufen und sofort mitnehmen.“ Das kann der Online-Handel nicht, auch nicht unter der Woche. Das wird den Online-Handel zwar nicht kippen, aber es kratzt an seinem Monopol auf Bequemlichkeit. Nebenbei bemerkt: Diese Bequemlichkeit hat 2025 eine Retourenquote auf Rekordniveau im Schlepptau. Fast jedes vierte im Internet bestellte Paket wird komplett oder mit einem Teil der Ware an den Online-Händler zurückgeschickt, wie eine Studie der Uni Bamberg zeigt, (s. u.a. Tagblatt v. 28.11.25). Nachhaltig ist das nicht und offensichtlich einfach noch zu günstig.
Mehr Flexibilität für Konsumspitzen.
Vorweihnachtszeit, Ferienzeiten oder nach Gehaltseingang. Es gibt einfach Wochenenden, da platzen Läden aus allen Nähten. Ein zusätzlicher Verkaufstag könnte den Samstag entzerren – weniger Gedränge, entspannteres Einkaufen, bessere Beratung.
Die andere Seite der Medaille
Zugegeben, auf den ersten Blick klingt das alles nach einer Win-Win-Situation. Doch der Haken an der Sache zeigt sich, sobald man den Blick vom großen Filialisten in 1A-Lage zum kleinen, inhabergeführten Laden in der Seitenstraße wendet. Die Rahmenbedingungen sind einfach zu unterschiedlich. Spoiler-Alert: Kleine Betriebe zahlen für die Freiheit der Großen. Und die Gründe dafür lassen sich klar benennen:
Mangelnder Spielraum bei Personalkosten und Arbeitszeit
Große Ketten haben Personalpuffer, Schichtsysteme und Personalabteilungen. Sie können Sonntagsdienste planen, Zuschläge zahlen, Filialen rotieren lassen. Die Inhaberin eines kleinen Buchladens oder die Metzgerei mit drei Angestellten kann das oft nicht. Wenn am Sonntag geöffnet ist, steht häufig er oder sie selbst im Laden – nach bereits sechs vollen Tagen. Es bleibt die Wahl: Öffnen und weitere Überstunden anhäufen oder einfach geschlossen bleiben und zusehen, wie die Kundschaft zum Wettbewerb abwandert. Doch sobald die Konkurrenz aufmacht, wird Freiwilligkeit schnell zur Illusion.
Die Erschöpfung der Menschen hinter dem Tresen
„Der Handel“ ist ein abstrakter Begriff. Dahinter stehen Menschen, die Kinder haben, Pflegearbeit leisten oder schlicht auch mal einen Tag abschalten müssen, wie alle anderen. Für viele Selbstständige ist schon jetzt der Sonntag der Tag, an dem Buchhaltung, Bestellungen und Planung anstehen. Fällt dieser „Ruhetag“ weg, frisst der Laden endgültig das gesamte Leben. Lässt sich das einfach als Jammern auf hohem Niveau abtun?
Mehr Öffnung heißt nicht automatisch mehr Umsatz.
Schön wäre es. Leider führen zusätzliche Verkaufstage selten zu proportional mehr Konsum, eher zu einer Verlagerung. Der Tagesumsatz verteilt sich nur anders. Für einen Konzern mag es verkraftbar sein, er nutzt die zusätzliche Sichtbarkeit. Ein kleiner Laden, der mit Ach und Krach kostendeckend arbeitet, spürt dagegen jeden zusätzlichen Personalkosten-Euro schmerzhaft.
Strukturwandel wird beschleunigt.
Ein genereller verkaufsoffener Sonntag könnte den ohnehin laufenden Strukturwandel im Handel beschleunigen. Aber rettet das die Vielfalt und Attraktivität der Innenstädte? Realistischer ist, dass durchdigitalisierte Filialketten profitieren, weil sie Prozesse, Logistik und Marketing darauf ausrichten können. Die kleine Boutique, der Fachhändler, das familiengeführte Spielwarengeschäft geraten noch stärker unter Druck. Am Ende bleibt zwar „Handel“, aber mit weniger Gesichtern und mehr Logos.
Der Ausweg: ein kluger Mittelweg
Salopp gesagt: Wer immer offen hat, kann nicht ganz dicht sein. Statt der kompromisslosen Entweder-auf-oder-zu-Debatte könnte man auch anders an die Sache herangehen. Hier ein paar Vorschläge dazu:
Begrenzte Anzahl verpflichtend freiwilliger Sonntage
Verständigung über eine feste Zahl von Sonntagen pro Jahr, an denen geöffnet werden darf – gekoppelt an klare Bedingungen beim Arbeitszeitschutz und verbindliche Zuschläge. So können Läden gezielt Schwerpunkte setzen (Stadtfeste, Aktionen, Events, Saisonhöhepunkte), ohne 52-mal pro Jahr in die Pflicht zu geraten.
Besondere Rücksicht auf kleine und inhabergeführte Betriebe
Land und Kommunen könnten in Kooperation mit Handelsverbänden Modelle fördern, in denen genau diese Betriebe unterstützt werden: etwa durch gemeinsame Sonntagsaktionen mit geteilter Werbung, abgestimmten Öffnungszeiten oder Förderprogrammen, die Mehrkosten abfedern. Zugegeben, in Zeiten klammer kommunaler Finanzen ein frommer Wunsch. Aber wann, wenn nicht zu Weihnachten, darf man ihn äußern?
Städte als Kuratorinnen des Sonntags
Der Sonntag muss nicht nur „zusätzlicher Einkaufstag“ sein. Er könnte, ja sollte, bewusst mit Kultur, Gastronomie und kleinteiligem Handel verknüpft werden: Lesungen in Buchhandlungen, Workshops in Manufakturen, Kooperationen mit Museen oder Vereinen. Und vielleicht ließen sich auch die Kirchen ins Boot holen, die auch ohne verkaufsoffenen Sonntag bereits seit Jahren immer leerer werden. So wird der Sonntag nicht zur Verlängerung des Samstags, sondern zur Feier des Tages zu etwas Eigenem. Tübingen hat sich in dieser Hinsicht schon immer als sehr erfindungsreich und vielseitig erwiesen.
Ein genereller verkaufsoffener Sonntag ist kein neutraler Modernisierungsschritt, sondern eine machtvolle Weichenstellung im Einzelhandel. Sonntagsöffnung kann echte Vorteile bringen. Aber wenn wir einfach nur „Aufmachen!“ rufen, zahlen vor allem jene, die einen Laden nicht nur als Investment betrachten, sondern als Lebenswerk. Der offene Sonntag könnte dann vor allem eines beschleunigen: das Verschwinden der Geschäfte, die unsere Städte einzigartig und lebendig machen. Wollen wir das?
Die Kunst besteht also darin, gemeinsam eine Lösung für die Sonntagsfrage zu finden, die beides zulässt: mehr Freiheit und faire Bedingungen. Für die, die in die Stadt kommen. Und für die, die dafür sorgen, dass sie dort finden, was sie suchen und gerne wiederkommen.